In politischen schwierigen Zeiten denkt man eigentlich nicht viel über Kinderarmut nach, da momentan andere erschreckende Dinge im Vordergrund stehen. Eigentlich war sie immer da, je schwieriger die wirtschaftlichen Zeiten werden, desto mehr Kinder gibt es die unterhalb der Armutsgrenze leben. In erster Linie ist Kinderarmut natürlich eine „Begleiterscheinung“ geringverdienender Eltern, oder von denen die arbeitslos sind und evtl. Hartz 4 beziehen müssen.

Kinderarmut ist im Deutschland 2019 verbreitet, besonders Ostdeutschland ist davon betroffen.

Als arm gilt in Deutschland jeder, der weniger als 60% des mittleren Nettoeinkommens seines Land zur Verfügung hat. Für eine Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren wären das weniger als 1926 Euro im Monat. Wie schon erwähnt, sind davon besonders Kinder geringverdienender Eltern betroffen. Aktuell sind davon 19% aller Mädchen und Jungen betroffen. In Ostdeutschland ist sogar jedes vierte Kind von Armut betroffen.

Wer finanziell unter die Armutsgrenze fällt wurde oben schon geschrieben. Was bedeutet jedoch Armut? Im Wesentlichen werden drei Arten von Armut unterschieden:

Absolute Armut

Absolute oder extreme Armut bezeichnet nach Auskunft der Weltbank eine Armut, die durch ein Einkommen von etwa einem Dollar (ca. 89 Cent) pro Tag gekennzeichnet ist. Auf der Welt gibt es 1,2 Milliarden Menschen, die unter diese Kategorie fallen.

Relative Armut

Von relativer Armut spricht man in Wohlstandsgesellschaften, in denen es absolute Armut praktisch kaum gibt, wohl aber eine arme „Unterschicht“ (neuerdings Prekariat genannt). Als relativ arm gilt hier derjenige, dessen Einkommen weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens beträgt.

Gefühlte Armut

Gefühlte oder auch sozio-kulturelle Armut lässt sich weniger an konkreten Einkommensgrenzen festmachen. Es ist mehr das Bewusstsein, das diese Art der Armut begründet. Sie betrifft diejenigen, die sich aufgrund ihrer allgemeinen Ausgrenzung oder Diskriminierung als „arm“ betrachten oder Angst vor einer  sich verschlechternden wirtschaftlichen Lage haben, bzw. in ständiger Angst vor Armut leben.

Soweit die theoretischen Erkenntnisse und Erklärungen.

Im schulischen Unterricht zeigt sich Armut den Lehrkräften unterschiedlich stark, je nachdem ob in einer homogenen oder heterogenen Gruppe unterrichtet wird. Als heterogen wird eine uneinheitliche Gruppe, also eine Gruppe die unterschiedliche Meinungen vertritt und für unterschiedliche Interessen und Ziele einsteht. Sie stellt das Gegenteil zur homogenen Gruppe dar.

Im Schulalltag zeigt sich Armut unterschiedlich stark, je nachdem, ob in einer homogenen oder heterogenen Gruppe unterrichtet wird. Das heißt, Armut wird Fachkräften in einer Brennpunktschule in Wedding anders begegnen als in einem Gymnasium in Steglitz-Zehlendorf.

Schauen wir auf die Arbeit in einer sogenannten Brennpunktschule, treffen wir auf das Phänomen, dass Fachkräfte sich mit Fragen auseinandersetzen müssen, die zuallererst nicht unbedingt den Unterricht betreffen. Kinder kommen zu spät oder unregelmäßig in die Schule, manchmal ohne Frühstück. Jede*r weiß, wie schwer es fällt, sich mit hungrigem Magen oder weil man müde ist, zu konzentrieren.

Unangenehm wird es, wenn die notwendigen Materialien für den Unterricht, wie Stifte, Zirkel oder Hefte, nicht vorhanden oder einfach kaputt sind. Dann gibt es den kritischen Hinweis darauf, dass wieder etwas fehlt. Das macht weder Spaß, noch regt es zum Lernen an.

Familien in sozialen Brennpunkten kämpfen ständig dagegen an, nicht als arm zu gelten. Ein typisches Beispiel hierfür ist, wenn zu Elterngesprächen eingeladen wird und Eltern, obwohl sie ALG II beziehen, kaum freie Termine haben. Das macht die gemeinsame Terminfindung schwierig, lässt Fachkräfte verzweifeln und macht wütend. Dahinter steht die Angst vor der Ausgrenzung aus unserer Leistungsgesellschaft und die Scham, sich mit der eigenen Armut auseinanderzusetzen. Wer berufstätig ist und einen vollen Kalender hat, muss sich hierfür nicht rechtfertigen.

Die Folgen von Armut sind für Kinder verheerend. Sie erleben sich selbst als »wertlos«. Ihre Eltern verlieren sie aus dem Blick, weil sie mit ihrer eigenen Bedürftigkeit beschäftigt sind und in der Schule fallen sie negativ auf. Dann passiert es schnell, dass Fachkräfte die Verantwortung übernehmen, obwohl es nachhaltiger wäre, Eltern einzubeziehen und sie zu befähigen, Lösungen zu finden. Entscheidend ist es, Kinder nicht aus dem Sichtfeld zu drängen und sich selbst zu überlassen. In einer aktuellen Bertelsmann Studie, die sich mit dem Forschungsstand zu Kinderarmut beschäftigt hat, wurde deutlich, »dass Kinder aus sozioökonomisch belasteten Familien bei gleicher Schulleistung schlechtere Noten bekommen, als Kinder aus höher gestellten Familien«. Das heißt für Fachkräfte, dass das Wissen um die familiäre Situation von Kindern ihre Einschätzung über deren Möglichkeiten und Leistungsfähigkeit zum Negativen beeinflussen kann.

Wer arm ist, schämt sich oft dafür

Für Schulen in sozialen Brennpunkten stellt sich die Frage, was wird benötigt, um die Kinder in ihrem Selbstbewusstsein und der Selbstwirksamkeit unterstützen zu können. Dafür braucht es Fachkräfte, die sich mit dem Thema Armut und ihren Folgen für die Kinder auskennen, um den Kindern Möglichkeiten zu schaffen, beim Lernen Spaß und auch Erfolgserlebnisse zu erfahren. Kreative Methoden oder die Ausrichtung auf bestimmte Schwerpunkte wie beispielsweise Soziale Medien oder Theaterpädagogik können dann die Kinder auf eine Art ansprechen, die sie darin motiviert, sich selbst auszuprobieren.

Hinter der Armut stehen immer auch die Scham und die Angst vor Ausgrenzung. Angst macht oft sprachlos. Für arme Kinder in heterogenen Gruppen ist die Situation besonders schwierig. Ein armes Kind an einem Gymnasium in Steglitz-Zehlendorf beispielsweise steht vor dem Problem, dass seine Armut auffällt. Zwar kann es eher auf eine bessere Ausstattung in der Schule treffen, aber die Anforderungen, auch finanziell mitzuhalten sind hoch. Es gibt mancherorts Finanztöpfe, aus denen Zuschüsse gezahlt werden können. Aber um diese in Anspruch nehmen zu können, muss man sich »als arm outen«. AG-Angebote, die beispielsweise durch die Schule eingekauft werden, müssen mit einem regelmäßigen Beitrag gezahlt werden. Oder es wird überlegt, Klassenfahrten zu organisieren, die wesentlich teurer sind, als unbedingt notwendig, weil man den Kindern ein besonderes Erlebnis bieten will. In einer Elternversammlung dann die Kosten für die Fahrt kritisch zu hinterfragen, braucht ein starkes Selbstbewusstsein. Im schlimmsten Fall kann es dazu führen, dass Eltern von anderen beim Thema finanzielle Möglichkeiten eher »mitleidig« angesprochen werden. Das hat nicht nur Auswirkungen auf die Eltern, sondern auch auf ihre Kinder.

Bildung sollte nicht davon abhängig sein, wie viel Geld jemand hat, sondern sich daran orientieren, wie Kinder gefördert werden können. Davon sind wir leider oftmals noch weit entfernt.

Insbesondere für arme Kinder sind Bildungsinstitutionen, wie Kita und Schule, besonders wichtig, weil dort kompensiert werden kann, was manchen Eltern nicht möglich ist. Hier kann zumindest der Versuch auf Chancengleichheit gewagt werden. Die Schere zwischen Arm und Reich wird konstant größer, ohne dass dieser Zustand in der politischen Diskussion ausreichend wahrgenommen und behoben wird. Der Deutsche Kinderschutzbund hat durch vielfältige Aktionen bundesweit auf das Thema Kinderarmut hingewiesen. Die Lage ist ernst und die daraus resultierenden Folgen verheerend. Ein schnelles Handeln ist nötig!

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